Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – 7 Tage Krankenhaus mit Baby

Eine Grenzerfahrung, die am Ende doch viel Positives hatte.

Eine Woche Krankenhaus mit Baby sind eine psychische Extrembelastung. Ich war emotional statt rational, fühlte mich hilflos und in meiner Privatsphäre gestört, war panisch, hatte das Gefühl, keine Kontrolle zu haben; gleichzeitig demütig, dankbar und stolz, was meine Familie so kann und aushält.
Und weil ich in den letzten Monaten gemerkt habe, dass Schreiben mir nicht nur Spaß macht, sondern irgendwie auch beim Verarbeiten hilft, gibt’s einen Blogeintrag dazu. Nicht, um zu jammern, sondern um das Erlebte und insbesondere die positiven Outcomes und Learnings mit euch zu teilen!

Die Prioritäten verschieben sich von einer auf die nächste Sekunde

Eigentlich bin ich eher die Art „Morgen wird’s schon besser“- oder „Stell dich nicht so an“-Mama. Abgesehen von den vorgeschriebenen U-Terminen und Impfungen gehe ich nicht zum Arzt. So bin ich selbst aufgewachsen und ich finde es gut, dass meine Kinder und ich nicht vom Typ Jammerlappen oder ständig-krank sind. Doch in dieser einen Nacht hatte ich irgendwie ein ungutes Bauchgefühl und bin mit meinem Mann und dem Baby in die Notaufnahme gefahren.

Vor Ort mussten wir ewig warten, mein Mann war nach seinem Nachtdienst vor Übermüdung am Einnicken und ich fragte mich, warum ich eigentlich so überreagiert hatte und nicht einfach am nächsten Morgen zum Kinderarzt gegangen war. Die Kleine war plötzlich wieder ganz munter und ich hatte das Gefühl, mich vor den Ärzten rechtfertigen zu müssen, warum wir hier mitten in der Nacht aufgeschlagen waren. Doch dann hieß es plötzlich, wir müssen bleiben. Ich stand noch unter Schock, als ich mich an der Anmeldung wiederfand, um die Aufnahmebögen zu unterschreiben, während ich zwei Gänge weiter mein Baby brüllen hörte.

Mir schossen noch meine ganzen Termine der nächsten Tage durch den Kopf, mein Mann murmelte was von „Supergau“ und „mega wichtige OP am nächsten Tag“, aber als ich mein kleines Würmchen, das in der Zwischenzeit einen IV-Zugang an der Hand bekommen hatte in den Armen hielt, wollte ich nur eins: Sie beschützen und dafür sorgen, dass sie so schnell wie möglich wieder gesund wird.

Alles absagen befreit

Mein Mann und ich sind ziemlich gut organisiert, so dass wir „normale“ Krankheiten oder unvorhergesehene Events meist ohne größere Verluste gemanagt bekommen. Dann gibt’s schon mal kleinere Battles, wessen Termine und Verpflichtungen „wichtiger“ sind, aber schlussendlich packen wir es gemeinsam.
Wenn es dann ernster wird, kommt aber irgendwie plötzlich diese alles-andere-ist-jetzt-scheißegal Haltung; und das ist gut so, finde ich. Wenn es wirklich drauf ankommt, will ich ausschließlich für die Kinder da sein – bei allen Ambitionen, Karriere und co. Sonst versuche ich immer mithilfe unseres Netzwerks von Babysittern bis aufs Letzte möglichst nichts abzublasen, denn ich selbst hasse Leute, die Termine kurzfristig absagen. In dieser Situation aber habe ich noch in der Nacht alle Termine der nächsten Tage gecancelled, mein Mann hat sich auf der Arbeit entschuldigt.

Völliger Kontrollverlust macht wahnsinnig

Dann fand ich mich also um drei Uhr nachts in einem Zweibettzimmer auf einer Pritsche wieder, neben mir im Gitterbett mein jämmerliches Baby an Schläuchen und Kabeln. Mein Mann musste zurück zu den anderen Kids und seine Souveränität (Krankenhaus ist sein Business) fehlte mir. Ich war total übermüdet, denn die Kleine hatte schon die Nächte davor kaum geschlafen. Die Babys weckten sich abwechselnd gegenseitig, die Kleine fieberte, ich fühlte mich schrecklich hilflos und musste heulen.

Die nächsten Tage fühlten sich ein bisschen wie Folter an – Schlafentzug (immer, wenn ich gerade eingenickt war, weinte eins der Babys, kam eine Schwester, piepte ein Gerät, kam die Visite, gab es Essen, musste Blutdruck gemessen werden, kam der Putzmann…), eingesperrt (der Radius um das Babybett betrug wegen der Schläuche ca. 1m), ohne Kontrolle und wahnsinnig vor Sorge um mein Baby. Als an Tag zwei der Zugang an der Hand nicht mehr funktionierte und just als mein Mann gerade nicht da war ihr ein neuer am Kopf gelegt werden musste, konnte ich nicht mehr. Obwohl ich wusste, dass das gar nichts Schlimmes ist, konnte ich es nicht ertragen, dabei zu sein, und saß jämmerlich heulend in meinem Zimmer, während ich das Baby über den Gang wie am Spieß brüllen hörte. Rational denken war unmöglich, ich war einfach am Ende, es machte mich wahnsinnig, absolut keine Kontrolle zu haben.

Die Frage nach Erklärungen und nach Schuld

Das Schlimmste daran waren die Gedankenkreisel: Was hätte ich anders machen können, wie hätte ich das verhindern können? Wie ist das passiert? Wann? Auch als es langsam bergauf ging, und ich somit wieder ein bisschen Kapazitäten hatte, mein eigenes Schicksal zu bejammern: Wieso gibt es kein Einzelzimmer, warum nur Klappbetten für die Eltern, warum sind die Krankenhausprozesse so schlecht, wieso das Personal so unfreundlich und viel zu knapp.
Die Krönung der Beschneidung meiner Privatsphäre kam in der dritten Nacht, als ich aus dem Tiefschlaf mit den Worten „Frau Fuchs, ich habe schlechte Nachrichten für Sie“ geweckt wurde. Von 0 auf 100 raste mein Herz, ich zitterte vor Panik und schaute auf das Bettchen neben mir. „Mit dem Baby ist alles gut, sie müssen das Zimmer wechseln. Wir haben einen Notfall und brauchen dieses Zimmer für ein Kind, das isoliert sein muss.“ Ich packte also meine sieben Sachen und zog um, die Kleine war dann natürlich wieder wach.

Andere Kulturen, andere Sitten

Ich wachte am nächsten Morgen von hektischem Treiben und wilden Diskussionen auf einer mir fremden Sprache auf. Neben meinem Bett stand ein finster dreinblickender Mann mit Bart, eine ältere Frau turnte um das Nachbar-Baby und seine weinende Mutter, zwei Schwestern erklärten eine OP. Es roch nach kaltem Rauch und Desinfektionsmittel. Ich unterdrückte in mir aufkommende Feindseligkeit und den Impuls, loszuheulen, weil ich über Nacht auch noch Halsschmerzen bekommen hatte.

Wenigstens ging es meiner Kleinen besser, ich konnte sie zum ersten Mal wieder füttern und obwohl ich nicht mal ein freundliches Lächeln schaffte, fragte mich der Vater des anderen Babys nach dem Alter meiner Kleinen. Wir kamen ganz nett ins Gespräch und ich musste mit der Familie mitweinen, als der Kleine, nur ganz wenige Wochen alt, in den OP gebracht wurde.

Doch meine Milde hielt leider nicht lange, denn die OP war keine halbe Stunde vorbei, da gab es Familienbesuch. Die Oma, der Opa, die Tante, der Onkel, die Schwestern, die Kollegen, Freunde.. Es nahm kein Ende. Zehn (!) Menschen auf wahrscheinlich zehn Quadratmetern, dazu mein Baby und ich. 30 Grad am Vormittag, der Sauerstoff wurde knapp. Vor dem Zimmer noch mal so viele. Die komplette Sippe war am Start. Ich musste sie rauswerfen. Interkulturelle Toleranz hin oder her, das ging so einfach nicht. Ich erntete feindselige Blicke, doch sie verließen peu-à-peu wieder das Zimmer.

Die Erlösung kam mit der Visite: Fieberfrei, das heißt die Infusion darf ab, das wiederum heißt wir dürfen raus! Ich bin fast ausgerastet vor Glück. Vor dem Krankenhaus chillte die Großfamilie meiner Zimmernachbarin und ich bot ihnen an, das Zimmer jetzt zu nutzen, so dass wir wieder einigermaßen versöhnt waren. Ab jetzt ging es bergauf.

Zeitverschwendung oder Entschleunigung

Sobald die Kleine einigermaßen über den Berg war, gewann ich wieder Oberwasser. Wir machten ausgedehnte Spaziergänge auf dem Klinikgelände bei herrlichstem Wetter. Doch irgendwann wurde das natürlich langweilig und ich wurde sofort wieder ungeduldig. Wann können wir heim? Wir waren jetzt drei volle Tage hier und ich empfand das Ganze langsam als Zeitverschwendung. Alle möglichen Termine und Verabredungen abgesagt, wir konnten uns als Familie nie zu fünft sehen, einer war immer bei den Großen, einer im Krankenhaus.

Zum Glück hatte ich irgendwie doch die Erkenntnis, dass ich mir rational und von außen betrachtet einfach folgenden Ratschlag geben sollte: Geduld üben, die Entschleunigung nutzen, einfach froh sein, dass das Baby auf dem Weg der Besserung ist; Perspektive wechseln: Auch meine Nachbarfamilie ist krank vor Sorge um ihr jüngstes Mitglied; auch die Schwestern und Pfleger können nichts für die Personalknappheit; ein Krankenhaus ist nun mal kein Hotel; in ein paar Tagen würde ich wieder daheim sein und meinen ganzen Luxus haben und vor allem schätzen können.
Und vor allem: So vielen Kindern und Familien hier ging es noch soooo viel schlechter. Ich unterhielt mich auf meinen Streifzügen über das Klinikgelände mit den verschiedensten Menschen und hörte berührende Schicksäle. Ich entwickelte eine gewisse Demut und Dankbarkeit für das, was ich habe. Ich fühlte mich plötzlich mit völlig Fremden verbunden in unserer Sorge um die Kinder und das „gefangen sein“ im Krankenhaus. Das hatte auch irgendwie alles sein Gutes.

Gleichberechtigung und so

Die Sache mit der Nachbarfamilie löste sich lustigerweise durch eine ganz einfache Tatsache auf: Mein Mann übernahm den Krankenhausdienst. Ich hatte tagelang erfolglos versucht, ein Einzelzimmer zu ergattern. Jetzt zog meine Zimmernachbarin in kürzester Zeit aus „Das ist nicht gegen euch, aber meine Frau kann einfach unmöglich mit einem Mann im Zimmer schlafen“ und BÄM, er hatte das Zimmer ganz für sich allein. Es kam kurz ein wenig Neid bei mir auf, aber dann war ich eher amüsiert.

Der Vorfall gab mir jedoch Anlass zum Nachdenken über gleichberechtigte Elternschaft. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass mir das absolut wichtig ist, denn ich möchte auch gleichberechtigt eine Karriere haben. Dass ich bei der Kleinen im Krankenhaus bleiben würde, wurde bei Ankunft gar nicht hinterfragt, auch nicht von mir selbst. Doch als klar war, dass das Ganze ein paar Tage länger dauern würde, wechselten mein Mann und ich uns selbstverständlich ab. Andernfalls hätte ich den totalen Lagerkoller bekommen.

Die Nummer mit dem Übernachten ist nochmal eine andere. Irgendwie war ich unbewusst davon ausgegangen, dass sich im Krankenhaus nicht einfach Männer und Frauen ein Zimmer teilen könnten. Meistens waren die Mütter Begleitpersonen, also kam ich gar nicht auf die Idee. Im Krankenhauspark unterhielt ich mich mit einem Vater, dessen Kind chronisch krank ist und daher regelmäßig in die Klinik muss. Sie wechselten sich immer ab. „Ach krass, das geht also, dass der Vater übernachtet?“ – „Klar, das ist für das Krankenhaus gar kein Problem!“ – Pause – „Die Frage ist halt immer, ob die Kinder das tolerieren.“ WTF???
Das Schlimme ist, er hatte Recht. Auch ich kenne einige Familien, bei denen der Vater nicht alleine auf die Kinder aufpassen kann. Ich finde das abenteuerlich, schrecklich! Im Stillalter, ok. Aber ALLES ANDERE kann ein Vater ganz genauso wie seine Mutter. Und der Satz „Ein Kind braucht in solchen Situationen einfach seine Mutter“ zieht bei mir gar nicht. Es braucht seine Eltern. Seine engsten Bezugspersonen. Es ist traurig, wenn der Vater das nicht ist! Das Wochenende davor war ich auf einem (ziemlich coolen 😉) Junggesellinnenabschied in Berlin. Ihr glaubt nicht, wie oft ich gefragt wurde „Krass, und dein Mann ist allein bei den drei Kindern???“ – klar ist er das, bin ich doch auch ständig!! Und weil mein Blog ja eigentlich von Karriere mit Kindern handelt an dieser Stelle ein kleiner Tipp: Sorgt von Anfang an dafür, dass der Papa genauso Bezugsperson ist, wie ihr. Es gibt nichts Schlimmeres, als Unersetzlich zu sein. Ich wäre zugrunde gegangen, hätte ich die vollen sieben Tage vor Ort sein müssen.

Das Positive an der ganzen Chose

Statt mich aber über andere, das System, die Gesellschaft oder wen auch immer aufzuregen, freue ich mich lieber. Und bin stolz. Mega stolz, dass wir das als Familie so gut hinbekommen haben. Dass mein Mann einer von denen ist, die das rocken, der selbstverständlich sich genauso die Nächte im Krankenhaus um die Ohren schlägt. Dass wir das mit der Gleichberechtigung richtig gut machen. Wir haben es uns sogar ein bisschen schön gemacht und zum Beispiel am Wochenende mit der ganzen Familie auf der Wiese vor dem Krankenhaus gepicknickt.

Und ich bin dankbar, dass wir alle gesund sind. Ich schätze, wie gut wir es im Leben haben, mir ist einmal mehr bewusst geworden, dass wir zu den privilegierten Menschen auf dieser Erde gehören. In einem Großteil der Länder hätten wir diese medizinische Versorgung gar nicht gehabt – was rege ich mich also über das ungemütliche Feldbett und das eklige Krankenhausessen auf. Ich bin sehr glücklich, dass mein Baby wieder gesund ist, und auch wenn das platt klingt, das ist alles, was WIRKLICH zählt.

Danke, an alle, die uns dabei geholfen haben, vom Krankenhauspersonal über unsere Familien, Freunde, Nachbarn, Kollegen, die mit ihrer Anteilnahme gezeigt haben, dass wir nicht alleine sind. (Ihr seht, ich bin immer noch ein wenig emotional 😉)

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