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OMG ich bin nicht mehr effizient!

Das Problem mit dem Aufhören, warum ich als Manager in Elternzeit plötzlich das Gefühl habe, schrecklich ineffizient zu sein und wie man dieser Situation am Ende doch noch etwas Gutes abgewinnen kann.

Ich bin super strukturiert, perfekt organisiert und bezeichne mich gerne als die Königin des Outsourcings. Seit drei Jahren arbeite ich Vollzeit mit zwei kleinen Kindern, die ich morgens vor der Arbeit wegbringe und Nachmittags abhole. Ruhige Minuten sind eher selten, alles ist straff organisiert und wenn ein Rädchen ausfällt, läuft das System Gefahr, zusammenzubrechen. Trotzdem bekomme ich meist alles gut hin, mir macht das Spaß so, ich brauche vergleichsweise wenig Me-Time. Ich bin SO effizient (wie die meisten arbeitenden Mütter).

Und dann kommt plötzlich die Elternzeit mit Baby #3. Bäm, ich bin zuhause, habe mehr Zeit, bin wieder selbstbestimmt. Gleichzeitig werde ich aber von meinem Team auch nicht mehr gebraucht, habe nichts mehr zu sagen oder zu entscheiden, gehöre nirgends mehr dazu (denn Arbeiten ist ja wie Schule – irgendwie nervig aber gleichzeitig ist es herrlich zu wissen, dass man seine Freunde dort täglich trifft). Ich beginne nachzuvollziehen, wie sich Topmanager am Beginn der Rente fühlen, man kann nicht einfach von heute auf morgen aufhören, wenn man sein Leben lang (gerne) Vollgas gegeben hat.
Aber gut, ich habe jetzt mehr Zeit und nehme mir dementsprechend viel vor: Bloggen, Ferienhaus einrichten und managen, Sport machen, Babykurse, Coach-Ausbildung, Netzwerken, Scrum, Lesen. Aber mehr Zeit ist dummerweise nicht gleich mehr Zeit. Denn da ist ja auch noch das Baby; sie ist bis jetzt das liebste, entspannteste Baby aller Zeiten – trotzdem will sie gewickelt, gestillt, getragen, beschäftigt werden. Ratz fatz ist der Tag um. Eine kleine nicht-Kinder Sache schaffe ich meist pro Tag: Ein Telefonat ODER eine E-Mail ODER einen Sportkurs ODER eine Abendveranstaltung (dafür muss ich dann tagsüber vorschlafen). Zwischen 16h und 19h bin ich mit allen drei Kindern zugange, danach muss ich – psychisch und physisch völlig erschöpft – direkt ins Bett.

GETRIEBEN VOM EFFIZIENZSTREBEN – IST DAS PATHOLOGISCH?

Ich bin ganz ehrlich: Das macht mich wahnsinnig!! Und schlecht gelaunt. Ich habe doch vorher so krass viel gewuppt bekommen. Ein „unproduktiver“ Tag reiht sich an den anderen. Mit meinem Mann beginne ich dann abends gerne Grundsatzdiskussionen über die Ungerechtigkeit, dass er weiter seiner Karriere nachgehen kann und Erfolgserlebnisse hat, während ich mit den Kids zuhause hocke und es nicht mal schaffe, eine E-Mail zu schreiben.

Ich versuche meinen Alltag weiterhin maximal effizient zu planen und zu gestalten. Warten ist mein Feind, ich werde schon an der Supermarktkasse ungeduldig, wenn drei Leute mit Großeinkauf vor mir sind. Dann fange ich an zu rechnen, wie lange ich hier noch warten muss, wie lange ich nach Hause brauche, wie lange die Kleine dann noch im Kinderwagen weiterschläft, und welche Todos auf meiner Liste ich in dieser wertvollen Zeit noch schnell abhaken kann, bevor wieder Stillen angesagt ist. Ich ertappe mich sogar dabei, wie ich private Verabredungen tagsüber am liebsten absagen würde, um etwas „Sinnvolles“ zu tun, wenn ich mich schon mal grade nicht um das Baby kümmern muss. Wahrscheinlich definiere ich mich viel zu sehr über Leistung, Ergebnisse, Anerkennung (leider gehöre ich nicht zu den zufriedenen Müttern, die sich durch die pure Anwesenheit ihrer Kinder geschätzt und anerkannt fühlen). Überhaupt, bin ich am zufriedensten, wenn ich ein Ziel habe, auf das ich hinarbeiten kann; ambitioniert, aber nicht unerreichbar. Einfach nur so zufrieden sein, weil ich gerade ein gechilltes Leben habe, fällt mir leider schwer. Also nehme ich mir ganz viel vor, schaffe aktuell aber meist nur einen Bruchteil davon und werde dadurch unzufrieden.

Ich bin getrieben von meinem eigenen Effizienzstreben. Jeden Tag wenn ich meine Waldrunde spazieren gehe kommen mir tausend Ideen. Was ich noch alles machen, worüber ich schreiben kann, womit ich mich beschäftigen möchte. Dann bin ich voller Tatendrang und ärgere mich, wenn ich nicht alles sofort umsetzen kann.

Weil mir aber nicht erst jetzt beim Schreiben aufgefallen ist, dass sich das schon leicht pathologisch anhört, habe ich mich aktiv mit diesem „Problem“ beschäftigt.

INEFFIZIENZ MACHT KREATIV!

Und das Coole ist natürlich, dass es eigentlich genau richtig ist, so, wie es ist. Die ganzen tollen Gedanken kommen mir, WEIL ich die Zeit habe, ganz entschleunigt und ohne Termindruck jeden Tag durch den Wald zu laufen. Ich sprühe vor Energie – weil ich sie nicht in einem operativen Tagesbusiness lasse. Ich bin körperlich k.o., manchmal auch genervt von den Kids, aber geistig so gut drauf wie lange nicht mehr. Kreativität entsteht in solchen Momenten des Wartens und des Beobachtens, auch wenn es mich in dem Moment selbst dann oft nervt.
Ich habe trotzdem Spaß daran, meine Todo-Listen abzuarbeiten, wenn auch langsamer als geplant. Ich habe soziale Kontakte, treffe ganz andere Menschen (all diejenigen, welche eben tagsüber so unterwegs sind 😉), werde dadurch inspiriert. Ich widme Freunden wieder mehr Zeit.
Ich mache mir auch ein Bild davon, wie gut ich es eigentlich habe, arbeiten gehen zu können; ich kann mein „freies“ Jahr genießen, weil ich weiß, ich werde danach wieder einen coolen Job haben. Meine Work-Life Balance geht gerade voll zugunsten der Familie und das ist super, denn das wird sicher bald wieder anders sein und ich werde mir wünschen, mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu können.
Ich habe mich in den letzten Jahren mit Achtsamkeit beschäftigt – jetzt kann ich endlich mal wirklich achtsam sein! Einfach beobachten, sich treiben lassen, sich selbst spüren.
Aus einer Großfamilie stammend brauche ich soziale Kontakte. Ich liebe es, mich mit Menschen auszutauschen und glücklicherweise bewahrt mich das in meiner Effizienzwut davor, zum Nerd oder Workaholic zu werden. Denn natürlich sind die Verabredungen unter der Woche toll, auch wenn ich in dem Moment dann manchmal anders denke. Die Inspiration für das Schreiben kommt genau dadurch.

Und nicht zuletzt ist es ja zur Abwechslung auch mal toll, nicht nur unter Druck arbeiten zu müssen und sein eigener Chef zu sein. Wenn das neue Sofa fürs Ferienhaus statt im April erst im Mai kommt oder der Blog ein paar Wochen später live geht interessiert das am Ende einfach keinen (außer mich).

Klar, die Fremdbestimmung durch das Baby ist vergleichbar mit der durch den Terminkalender. Und doch ist man weniger getrieben, kann auch mal ein bisschen abhängen.

FREIE ZEIT GENIESSEN!

Also genieße ich meine Elternzeit! Es ist nicht immer leicht, aber alleine die Erkenntnis, wie gut ich es habe, sorgt dafür. Ich bin kreativ wie lange nicht mehr, schmiede voller Vorfreude Zukunftspläne für alle Lebenslagen und hier und da chille ich sogar mal. Und weil man ja meistens das will, was man nicht haben kann, werde ich in einem Jahr wieder maximal effizient im Job sein und sehnsüchtig an diese ineffiziente Elternzeit zurückdenken.

ERWARTUNGSMANAGEMENT IST KEY!

Fazit: Das alles ist nun mal so. Ich kann an dieser Stelle also nur diesen Ratschlag geben: Das Zauberwort heißt Erwartungsmanagement. Und zwar euer eigenes. Ihr müsst euch von Anfang an im Klaren sein, dass in der Elternzeit eine ganz neue Art der Fremdbestimmung auf euch wartet und acht „freie“ Stunden netto vielleicht einer einzigen wirklich freien Stunde (am Stück) entsprechen, in der man produktiv im gewohnten Sinne sein kann. Ich bin gerade in meiner zweiten Elternzeit und doch wieder ein bisschen in die Falle getappt. Wenn man aber weiß, worauf man sich einlässt, ist es halb so wild – im Gegenteil, man kann wirklich was draus machen. Drei konkrete Ratschläge, wie man doch noch ein bisschen Effizienz rausschlagen kann:

  1. Ein Tag Betreuung am Stück. In meiner ersten Elternzeit habe ich nebenher remote einen Master an der OU London gemacht. Schnell musste ich erkennen, dass das neben dem Baby nicht mal einfach so ging. Also habe ich eine Nanny engagiert – sie kam einmal pro Woche einen ganzen Tag. Das kann man schon super früh machen, auch während man stillt, und selbst wenn man die Person noch nicht besonders gut kennt, denn die Betreuung findet einfach zuhause statt. Man kann im Nebenzimmer arbeiten, Sport machen, was auch immer, hat aber mal kontinuierlich ein bisschen Ruhe.
  2. Hörbücher beim Kinderwagen fahren! Jeden Morgen schlage ich vier Fliegen mit einer Klappe indem ich eine Stunde im Wald spazieren gehe: Ich wiege das Baby in den Schlaf, ich komme auf meinen Natur- und frische Luft-Anteil, ich mache Sport (bei uns ist es bergig!), und ich höre in Ruhe Bücher.
  3. Sportkurse mit Babybetreuung – das gibt es in Fitnessstudios, aber auch in verschiedenen kirchlichen Einrichtungen. Ich gehe zum Beispiel in das Haus der Familie in Bonn, wo ältere Damen ehrenamtlich auf die Babys aufpassen, während wir turnen.

ENJOY!

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