Zuckerbrot und Peitsche

Major Learnings aus den ersten Führungsjobs

Meine ganz persönlichen Erkenntnisse, Herausforderungen und die Frage, was eigentlich eine gute Führungskraft ausmacht

Der Bestimmer

Ich war schon als Kind gerne der Bestimmer! Als älteste von vier Schwestern regierte ich à la Zuckerbrot und Peitsche; und in meinem selbst gegründeten Club in der Grundschule ging ich totalitär vor: andere Meinungen oder Feedback waren nicht erwünscht – wer unliebsam wurde, flog raus. Überhaupt wählte ich die Mitglieder ganz subjektiv, alle waren mir irgendwie ähnlich und wen ich persönlich nicht mochte, der hatte sowieso keine Chance.

Und dann durfte ich endlich wirklich Chef sein! Dass der Totalitarismus meiner Kindheit nicht mein Führungsstil sein würde, war mir inzwischen klar. Führungsstärke wurde mir in verschiedenen Assessment Centern bescheinigt, jetzt ging es ans Eingemachte.

Hier sind meine Erkenntnisse aus den ersten Jahren als Führungskraft; die Schwierigkeiten und Herausforderungen, mit denen ich zu kämpfen hatte und habe. Daraus ergeben hat sich mein Idealbild einer guten Führungskraft, dem ich selbstverständlich nicht entspreche, auf das ich aber hinarbeite.

Erkenntnisse

–          Es wird überall nur mit Wasser gekocht! Eigentlich ist es wie immer im Leben: Als Kindergartenkind schaut man in einer Mischung aus Vorfreude, Ehrfurcht und Respekt zu den Schulkindern auf; als Schüler dann bewundert man die „erwachsenen“ Studenten. Ist man selbst dort angelangt, ist es ein paar Tage aufregend und neu, man fühlt sich ganz besonders und glücklich, jetzt auch dazuzugehören. Und dann merkt man, dass Schüler/Studenten/Führungskräfte auch ganz normale Menschen sind.

–          Mitarbeiter sind wie Kinder: Man möchte sie manchmal komplett bestimmen und kontrollieren, doch sie haben eigene Ideen und Tools, setzen Anforderungen anders um, als man es selbst tun würde. Jeder hat unterschiedliche Stärken und Schwächen und braucht seine individuelle Förderung. Optimal sind Konsequenz bei den eigenen Grundsätzen bei gleichzeitiger Offenheit für Neues und Feedback. Und: man sollte nicht den Fehler machen, grundsätzlich von sich auf andere zu schließen (in Bezug auf Denkweise, Belastbarkeit, Arbeitsweise …)

–          Die Führungskraft muss nicht zwangsweise auch der fachlich Beste im Team sein. Im Gegenteil – sehr tiefes fachliches Knowhow führt mitunter zu Mikro-Management. Es ist gut und wichtig, die Experten im Team zu haben, ihnen vertrauen zu können und zu vertrauen. Und sich dann seine Meinung bilden zu können, während man das große Ganze, das „Big Picture“ immer im Auge behält.

–          Verwaltung Verwaltung Verwaltung. Das mag eine Eigenschaft von Großkonzernen sein und ich wusste vorher, dass es viel zu administrieren gibt. Dass es so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht. Jahreszielgespräche und Feedback gehören zu den angenehmen Angelegenheiten, welche in bunte Toollandschaften eingepflegt werden müssen. Dazu kommen Krankheiten, Einstellungen, Bewertungen, Reisen, Urlaubsanträge, Toolfreigaben, Zertifizierungen, Trainings etc.

–          Mitarbeiter brauchen Guidance und Halt! Chef sein heißt nicht, Befehle geben, die dann ausgeführt werden. Man muss einen Rahmen geben, Anforderungen definieren, für sein Team da sein, wenn es Fragen oder Probleme hat. Man muss die Richtung vorgeben, man ist derjenige, welcher vorangeht. Das bedeutet, Verantwortung übernehmen. Erst in den letzten Jahren wurde mir so richtig klar, dass auch das gar nicht jedermanns Sache ist; im Gegenteil, es gibt Menschen, die möchten sich auf jemand anderen stützen, die möchten gar keine allzu große Verantwortung übernehmen. Das „Bestimmer-Gen“ ist also teilweise Veranlagung.

–          Führungsstärke ist keine Sache des Alters! Ich war jung in meiner ersten Führungsposition und auch sicher nicht die erfahrenste. Das lässt Viele skeptisch werden. Ist aber völliger Quatsch! Die Zeiten, in denen die besten Fachexperten sich Hierarchiestufe für Hierarchiestufe vom Teamleiter zum Abteilungsleiter zum Executive hocharbeiten sind vorbei. Mit der richtigen Einstellung und Umgangsweise kann man auch mit Anfang 30 schon eine starke Führungspersönlichkeit sein. Worauf es wirklich ankommt – s.u.!

Herausforderungen

Ich liebe es, Führungskraft zu sein. Trotzdem gibt es Challenges und Schwierigkeiten –  von denen sicherlich einige mit den Jahren schwächer oder verschwinden werden, andere aber wahrscheinlich immer bleiben:

–          So viel Verantwortung! Ich muss nochmal den Vergleich zu Kindern bemühen: Wenn man die Verantwortung für Mitarbeiter oder Kinder erst mal hat, kann man sie nicht eine Sekunde „mal kurz“ abgeben. Ich habe beruflich wie privat schon immer gerne Verantwortung übernommen und trotzdem, man sollte sich vorher darüber im Klaren sein, dass man damit auch fremdbestimmter wird; dass man sich immerzu kümmern muss; dass man DER Ansprechpartner ist; dass man für andere Probleme lösen muss.

–          Gute Leute sind schwer zu finden. Die laufen nämlich nicht einfach so herum und warten darauf, in dein Team zu kommen. Ich hatte einmal das Glück, mein komplettes Team aufbauen zu dürfen. Niemals hätte ich erwartet, dass das so lange dauert und so aufwändig ist. Vorteil: die Kollegen, welche dann im Team sind, sind auch zu 100% committed, akzeptieren bzw. schätzen den Chef sogar. Bekommt man ein bestehendes Team, sind dafür die Aufgaben bereits klar definiert, jeder weiß, was er zu tun hat. Doch muss man sich als neue Führungskraft erstmal beweisen, insbesondere wenn man aus dem Team selbst kommt.

–          Konfliktgespräche – jeder kennt sie aus Mitarbeitersicht. Man ist aufgeregt, fühlt sich unwohl, unsicher. Tatsächlich kann man sich als Mitarbeiter vor Augen führen, dass es dem Chef im Zweifel nicht anders geht. Man möchte respektvoll und wertschätzend sein, gleichzeitig seine Meinung klar positionieren und durchsetzen; und auch ich als Chef kann nie 100% vorhersehen, wie der Mitarbeiter reagieren wird. Wobei ich bei diesem Thema davon ausgehen, würde, dass man mit wachsender Erfahrung auch gelassener und professioneller wird.

–          Mikro- vs. Makromanagement. Klar, ich möchte meinen Mitarbeitern einen gewissen Rahmen vorgeben, in welchem sie sich aber selbstverständlich frei bewegen und die Aufgaben auf ihre eigene Art und ihrem eigenen Tempo erledigen können. Das ist eine Herausforderung, grade am Anfang wenn man sich noch beweisen muss und selbst ja auch gut dastehen möchte. Und dann noch ein komplett neues Team – da fiel es mir ehrlicherweise nicht immer ganz so leicht, den Kontrollfreak in mir zu unterdrücken.

–          Ein vollständiges Team ist pure Utopie. Diese Tatsache habe ich völlig unterschätzt. Anfangs dachte ich immer „..wenn mein Team erstmal vollständig ist..“, doch irgendwann merkte ich, dass das nie der Fall sein würde. Es ist immer jemand krank, im Urlaub, in Elternzeit, auf einem Training, auf einer Veranstaltung, in einen anderen Bereich verliehen. Das ist eine Herausforderung, die aber immer so sein wird, insofern ist es am besten, seine eigenen Erwartungen von Anfang an entsprechend zu managen.

–          Immer ehrlich bleiben. Dass ich als Führungskraft keine Versprechungen mache, welche ich hinterher nicht einhalten kann, sollte selbstverständlich sein. Doch was ist mit den 1.000 geheimen und halb-geheimen, noch nicht offiziell kommunizierten, noch nicht mit dem Betriebsrat abgestimmten Fakten? Die eigentlich von hoher Relevanz für den Mitarbeiter wären, die ich ihm aber einfach nicht mitteilen darf? Da gibt es sehr oft nur Verlierer – entweder weil man „ausgeplaudert“ hat, oder weil man den Mitarbeiter zu spät in formiert hat.

Eine gute Führungskraft

Die Definition einer guten Führungskraft kann sicherlich nicht allgemeingültig existieren. Hier ist mein ganz persönliches Idealbild (ein entsprechendes Vorbild, welches all diese Eigenschaften verkörpert, habe ich bisher leider noch nicht gefunden 😉):

–          Gelassenheit, erst wenn man neben fachlicher Qualifikation und Führungsstärke auch eine gewisse Gelassenheit ausstrahlt, ist man so richtig „oben angekommen“

–          Offen für Feedback; wer kein Feedback mehr einfordert oder – noch schlimmer – keines mehr zulässt, fühlt sich vielleicht richtig stark und mächtig (kommt im Top Management häufig vor!), verpasst aber die Chance, sich weiterzuentwickeln und wertvollen Input zu bekommen

–          Nachwuchskräfte und Vertraute; auf Dauer kann man nur im Team erfolgreich sein. Gute Leute sind schwer zu finden, weshalb ich es essentiell finde, auf dem Weg nach oben ausreichend Vertraute zu haben, junge Kollegen weiterzuentwickeln und Vertreter zu haben.

–          Berufliches und Persönliches trennen. Wenn man den Geo-Caching -Tick des Kollegen noch so bescheuert findet, im Job kommt es auf Inhalte an! Erst recht gilt das für Meinungsverschiedenheiten; nie unter die Gürtellinie gehen und v.a. sich selbst schützen, indem man Streitereien im Job einfach gar nicht emotional an sich heranlässt.

–          Konsequenz bedeutet Glaubwürdigkeit. Nur so nimmt man sein Team mit und erarbeitet/erhält sich das Vertrauen der Mitarbeiter. Eine „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ Haltung ist tödlich.

–          FührungsKRAFT – es braucht wirklich Stärke, um ein Team, ein Unternehmen, eine Familie zu führen. Fühlt man sich (auf Dauer) nicht stark, und zwar physisch wie psychisch, dann kann man nicht performen

–          Vorbild sein; nicht in jeder Einzelheit muss man als Chef das Idol seiner Mitarbeiter sein. Man sollte aber seine eigenen Grundsätze vorleben und zumindest in einigen Bereichen den Kollegen Orientierung geben.

–          Spaß – last but not least bin ich der Meinung, dass man Spaß haben sollte an einer Führungsrolle. Verbissenheit oder übertriebener Ehrgeiz, ebenso wie ein totalitäres Handeln führen auf Dauer nicht zum Erfolg.

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